Ask a flight attendant: Coronavirus-Krise und der Alltag als Flugbegleiterin

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Die Medien haben scheinbar nur noch ein Thema: der Coronavirus. Sämtliche Airlines haben schon vor Wochen ihre Flüge nach China gestrichen, nun wurde inzwischen für ganz Italien eine Reisewarnung ausgesprochen und sämtliche Flugbegleiter werden auf Kurzarbeit umgestellt. Airlines verzichten auf Umbuchungsgebühren und scheinbar gibt es tatsächlich nur noch ein Thema: Corona. Wie gehe ich als Flugbegleiterin mit der Situation um und welche Tipps habe ich für euch Reisende in dieser Zeit?

Wirft man einen Blick auf meine Google News, handelt es sich bei 20% der Artikel über Themen wie: hat der Bachelor wirklich jemanden mit einem Schwan verprügelt, irgendwas über Veganismus und zu 80%: Coronavirus-Meldungen. In diesem Beitrag möchte ich ein bisschen von den Auswirkungen des Virus auf uns Flugbegleiter erzählen.

Meine persönliche Erfahrung mit Coronavirus Convid-19

Als ich im März nach meinen Teilzeit-Monaten  nach Los Angeles geflogen bin, wurde ich zum ersten Mal mit dem Thema an Board konfrontiert. Im Briefing wurde zur Begrüßung nicht mehr Hände geschüttelt, stattdessen begrüßte mich eine Kollegin mit der “Namaste”-Handbewegung, um Körperkontakt zu vermeiden. Bei jeder Gelegenheit wurde das Desinfektionsmittel ausgepackt. Ein kleiner Teil der Passagiere stieg mit Atemschutzmasken in den Flieger und legte die Masken auch nur zum Essen kurz ab. Ich persönlich – als Tochter einer Krankenschwester – habe mich zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich von der Massenhysterie anstecken lassen. Das Desinfektionsgel hab ich trotzdem im Vorrat im Koffer dabei gehabt. Sicher ist sicher.

Auf dem Rückflug von LA waren deutlich mehr Passagiere mit Masken unterwegs. Und um ganz ehrlich zu sein: manche dieser Masken sehen schon recht gruselig aus. Und erst, als die ersten Passagiere mit Masken eingestiegen sind, hat es auch bei mir richtig Klick gemacht. Da der Virus durch eine Tröpfcheninfektion weiterverbreitet wird, soll man möglichst viel Abstand halten. In einem Flugzeug ist das natürlich nur bedingt möglich. Wie gehen also wir Flugbegleiter mit der ganzen Coronavirus-Sache um?

Erst vor wenigen Tagen hab ich mich mit ein paar Kollegen unterhalten, die auch nur noch von Tag zu Tag planen. Gestern hieß es: du fliegst nach Kapstadt. Heute wurde daraus eine 4-Tagestour durch Europa. Besonders schlimm ist diese Unsicherheit ist es für die Shuttler-Kollegen. (Zum Verständnis: sehr viele Kollegen wohnen nicht in der Nähe ihrer “Basis”, also dem Flughafen, an dem sie ihren Dienst antreten, sondern sind in der ganzen Welt verstreut. Es gibt Kollegen die beispielsweise aus Paris, New York oder sogar Singapur regelmäßig zu ihren Diensten pendeln. Auch ich gehörte bis vor 2 Wochen noch dieser Shuttler-Gruppe an, da ich in Wien lebte, aber in München arbeitete.) Erst heute morgen wurden schon wieder über einen Shut-Down am Flughafen Wien Schwachat gesprochen. Wie und ob man dann überhaupt seinen Dienst bei so vielen Planänderungen antreten kann, weiß ich auch nicht.

Pinit
Welche Auswirkungen hat der Coronavirus auf uns FlugbegleiterInnen?

Während die Maschine nach Los Angeles und zurück ziemlich voll war, schaut es jetzt schon ganz anders aus. Mein Dienstplan sieht inzwischen aus wie ein Schweizer Käse, sämtliche Verbindungen werden gestrichen. Die No-Shows (Passagiere, die ihren Flug nicht antreten und auch nicht stornieren) werden immer häufiger. Flughäfen werden geschlossen, Sparmaßnahmen angekündigt.  Ich war besonders traurig, als meine gewünschte Tour mit einem Tag Aufenthalt in Tel Aviv gecancelt wurde – aber im Anbetracht des großen Ganzen, erscheint mir das jetzt schon richtig lächerlich. Jeden Tag werden die Nachrichten schlimmer und dramatischer und man spricht davon, dass der Corona Virus schlimmere Auswirkungen auf die Fluggesellschaften hat als 911.

Sämtliche neuen Flugbegleiter, die gerade in den Grundkursen sitzen, müssen sich darauf einstellen, erstmal keinen Arbeitsvertrag zu bekommen. Ich kann mir nur vorstellen, wie schlimm das für die zukünftigen KollegInnen sein muss und hoffe, dass sie ganz bald auch ihren Traum vom Fliegerleben leben dürfen. Wir, die schon die Probezeit überstanden haben, stellen uns nun auf Kurzarbeit ein und wissen selbst noch gar nicht, wie es in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten weitergehen wird.

Währenddessen die Kollegen von der Planung Überstunden über Überstunden machen und wahrscheinlich gefühlt sämtliche Flugpläne der Airline 2x am Tag umschmeißen müssen. Erst gestern hat Donald Trump angekündigt, ein Einreiseverbot von Europäern in die USA durchzusetzen. Damit fällt ein Großteil der Langstrecken-Verbindungen von sämtlichen europäischen Airlines weg und der wirtschaftliche Schaden wird immens sein. Keiner weiß was morgen passieren wird.

Wie geht man als Flugbegleiter mit dem Coronavirus um?

Man muss sich bewusst machen, dass Flugbegleiter, sämtliche Mitarbeiter auf Bahnhöfen, Flughäfen, im Zug, am Schiff und im Bus,  Supermarkt-Angestellte, Polizisten, Krankenpfleger und Ärzte wahrscheinlich den meisten Kontakt mit infizierten Personen haben und zur Verbreitung beitragen. Seid freundlich und verständnisvoll mit uns – wir können nicht einfach zu Hause ins Homeoffice. Inzwischen werden eventuelle Fälle im näheren Umfeld bekannt und da kommt auch bei mir langsam mehr Angst auf. Wenn sich der Verdacht auf einen Corona-Patienten an Board bestätigt, lässt auch uns Flugbegleiter das nicht kalt. Die Angst selbst angesteckt zu werden ist natürlich auch bei uns da. Unsere Gesundheit und die der Gäste geht natürlich vor, deswegen rüsten die Fluggesellschaften gerade richtig auf. Wir haben viel mehr Einweghandschuhe als vorher, bekommen Atemschutzmasken und mehr Desinfektionsmittel gestellt. Während andere Leute ins Homeoffice gehen können um sich selbst zu schützen, fliegen wir nach wie vor die Menschen nach Hause.

Wir Flugbegleiter gelten nicht als direkte Kontaktpersonen. Sollte also ein Coronavirus-Fall auf Flug XYZ bestätigt werden, gelten die Flugbegleiter auf dem jeweiligen nicht als infiziert. Warum? Weil man in der Regel zu kurz Kontakt mit der jeweiligen Person hat. Die Passagiere in den benachbarten Sitzen und Reihen, die oft stundenlang neben dem Patienten sitzen, werden nach Bestätigung des Virus kontaktiert und müssen sich danach selbst testen lassen. Aber was kann man noch tun um gesund von A nach B zu kommen?

Pinit
Pinit

Meine 5 Tipps zur Flugreise während des Coronavirus:

  • Die Reise im Zweifel erst gar nicht antreten: Wenn ihr euch nicht gut fühlt, dann sagt die Reise ab! Reiserücktrittsversicherungen sind ihr Geld wert und zu diesen Zeiten bieten sehr viele Airlines gratis Umbuchungen an. Wenn ich eines in den letzten Monaten gelernt habe, dann das krank Reisen furchtbar ist. Im Flugzeug werden die Symptome bei mir oft schlimmer und was am Boden ein bisschen Ohrenschmerzen oder Halsweh ist, tut dort oben 10x so weh. Es ist niemanden geholfen, wenn noch mehr Leute angesteckt werden – auch wenn es “nur” ein grippaler Infekt oder ähnliches ist. Auch vor dem Coronavirus galt schon die These: wer krank ist, soll den Flug nicht antreten.
  • Atemschutzmasken: Die Atemschutzmasken sind sinnvoll, wenn man selbst krank ist um andere nicht anzustecken. Und auch, wenn sich ein Patient als potenzieller Corona-Patient herausstellt. Die gängigen Masken – die sowieso schon seit Wochen ausverkauft sind – schützen nur für eine kurze Zeit und werden oft falsch angewendet.
  • Fiebermessungen am Flughafen: Gewöhnt euch an verschärfte Überwachung auf den Flughäfen und Fiebermessungen im Flugzeug. Das dient eurer eigenen Sicherheit und zeigt wie ernst die Situation ist. Das bedeutet: ihr werden für die Ein- und Ausreise länger brauchen und solltet deswegen mehr Zeit einplanen.
  • Die richtige Handhygiene: Hände waschen ist das A und O – vor allem im Flugzeug. Es überrascht mich tatsächlich, wie viele Menschen erst JETZT auf den Händewaschen-Zug aufspringen. 30 Sekunden mit heißen Wasser Hände waschen, Seife verwenden und Desinfektionsmittel verwenden. Auf vielen Flugzeugen findet ihr in den Waschräumen eine Mischung aus Seife und Desinfektionsmittel in den Seifenspendern. Das heißt konkret: Hände nass machen, Hände einseifen, Seife abwaschen, mit einem Einmal-Handtuch abtrocknen, Seife nochmal auftragen und bei Luft trocknen lassen. Apropos Desinfektionsmittel: Die Desinfektionsmittel aus dem Drogeriemarkt helfen angeblich kaum gegen das Virus, die sie nicht gegen Viren wirksam, sondern gegen Bakterien. Deswegen mein Tipp: ab in die Apotheke!
  • Seriöse Nachrichtenquellen verfolgen: Wenn eine Reise ansteht, dann informiert euch über seriöse Quellen wie die WHO, AGES, das Auswärtige Amt und das Robert-Koch Institute. Google News zu lesen oder euch auf die Facebook-Nachrichten zu verlassen macht meiner Meinung nach keinen Sinn und macht nur noch mehr Panik. Heutzutage, wo wir alle auf sämtlichen Social Media Plattformen unterwegs sind und Nachrichten über das Handy mit Algorithmen beziehen, verzerrt sich unsere Wahrnehmung zu Situationen und Themen. Oft wird durch solche Nachrichten die Situation runtergespielt, Rassismus gestreut und falsche Informationen verbreiten sich. In Panik zu verfallen ist genauso schlimm wie die Situation nicht ernst zu nehmen.

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