Mythos Flugbegleiter: Auf der Suche nach der Wahrheit

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Seit nun einem Jahr arbeite ich als Flugbegleiterin auf der Kurz-, Mittel- und Langstrecke. Und wenn ich eine Sache beobachten konnte, dann dass sich um den Job "Flugbegleiter" noch immer jede Menge Klischees ranken. Zeit um dem Mythos Flugbegleiter ein wenig geheimnisvolles zu nehmen und nach der Wahrheit dieses Berufes zu suchen.

Auf Instagram habe ich euch gefragt welche Vorurteile und Klischees ihr im Kopf habt, wenn ihr einen Flugbegleiter seht. Da sind ziemlich wilde Vermutungen aufgekommen, Zeit also dem „Mythos Flugbegleiter“ auf den Grund zu gehen. Hier beantworte ich die meist genannten Klischees!

Pinit
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Mythos 1: Flugbegleiter sind arrogant

Hübsch zurechtgemacht, die Uniform on point und mit den roten Lippen können FlugbegleiterInnen ganz schön selbstbewusst wirken. Wer in unserer Pause ein paar Gesprächsfetzen mitbekommt und uns über das Shoppen in Shanghai, New York und Paris plaudern hört, denkt sich den Rest. Und das kommt beim Gegenüber oft ganz anders rüber, als es gewollt ist. Nämlich arrogant und eingebildet. Tatsächlich werden wir aber anhand folgender Charaktereigenschaften für diesen Beruf ausgewählt: wir sind gastfreundlich, intelligent, teamorientiert und hilfsbereit. Natürlich gibt es solche und solche Flugbegleiter und auch ich hab manchmal schlechte Tage, an denen ich irgendwann leichter die Geduld verliere und so arrogant wirke. Tatsächlich müssen wir uns aber oft auf ziemlich viele Dinge gleichzeitig konzentrieren und manchmal auch streng sein.

Als Tipp kann ich dir mitgeben: sprich uns gerne an, auch in den Zeiten, in denen wir hinten in der Küche sitzen und gerade keinen Service durchführen. Ich plaudere total gerne mit netten Passagieren und du wirst sehen, dass wir gar nicht so eingebildet sind, wie es am ersten Blick vielleicht erscheint. Bloss nicht schüchtern sein!

Mythos 2: Läuft da was mit den Piloten?

Eure meist genannte Antwort und das Klischee und Vorurteil schlechthin: Flugbegleiter und Piloten haben natürlich was am Laufen. Ja und… Nein! Wie in jedem anderen Beruf lernen sich auch in diesem Beruf viele Paare in der Arbeit kennen. Und meiner Meinung nach ist da auch nichts verwerfliches dran. Kleine Flirts und „Tête-à-tête´s“ kommen immer wieder mal vor, von Sexparties im Layover oder anderen abgefahrenen Stories aus dem Crewrest hab zumindest ich noch nichts mitbekommen. Ich persönlich bin ja außerdem der Meinung: „never fuck the company“. Denn wenn es nicht wie im Märchen endet, wird der nächste Flug mit dem Verflossenen eventuell ziemlich unangenehm.

Also, ja es gibt ziemlich viele Paare in der Fliegerei und auch viele unschöne Geschichten. Wahrscheinlich wie in jeden anderen Großkonzern eben auch! Für Leute die sehr schnell, sehr eifersüchtig werden, ist ein Partner aus der Fliegerei auch vielleicht nicht das richtige. Denn durch die vielen getrennten Nächte überall auf der Welt, kann es so schnell zu Streit und Eifersüchtelein kommen.

Aber lasst euch gesagt sein: so glamourös, wie man es sich als Fußgänger (=so bezeichnen wir Leute die nicht in der Fliegerei arbeiten) vorstellen, ist es nicht. Nach einem langen, sehr langen, Tag kommt man ins Hotel und möchte einfach nur eins: schlafen. Und zwar ganz allein und ganz, ganz lange. An ganz schlimmen Tagen lässt man das Abschminken auch einfach sein. Mit verschmierter Wimperntusche, jede Menge Haarnadeln überall im Bett, alle viere von sich gestreckt. Die halb aufgegessenen Pommes, die man irgendwann nachts noch halb-komatös beim Roomservice bestellt hat, am Boden und Nachttisch verteilt, während man um halb vier morgens vom noch laufenden Fernseher geweckt wird. Ziemlich unsexy, oder? Mit ein bisschen Glück habe ich noch ans „Do not disturb“-Schild gedacht, und werde so nicht vom Housekeeping geweckt, das plötzlich im Zimmer steht, weil ich das Klopfen gar nicht gehört habe. Leute, das ist die Realität!

Mythos 3: Flugbegleiter sind immer nur in der Weltgeschichte unterwegs

Ja, das sind wir tatsächlich! In einem Monat nach New York, Rom, Stockholm, Tel Aviv, Wien und Delhi ist bei weitem keine Seltenheit. Und genau deswegen hab ich mir diesen Beruf ausgesucht. In keinem anderen Beruf sieht man so viel von der Welt in so kurzer Zeit. Vor allem am Anfang bekommt man richtig tolle Flüge wie Mexiko, Kapstadt oder Singapur und kann in der Zeit zwischen Hin- und Rückflug das andere Ende der Welt entdecken!

Wie viel Zeit und ob man überhaupt aus dem Flugzeug raus kommt, hängt aber auch immer von der Airline ab, bei der man arbeitet. Während Charterfluggesellschaften oft Wochenstopps auf den Malediven haben, fliegen Billigairlines oft nur Point-to-point. Das bedeutet, dass man morgens an seiner Base startet und abends wieder dort landet. Wer also mit dem Gedanken spielt auch Flugbegleiter oder Pilot zu werden, sollte solche Details in die Entscheidung mit einfließen lassen! Ich persönlich finde ja den Mix aus langen Layover, die sich tatsächlich wie Urlaub anfüllen, und kurze Tagestouren, an denen man abends im eigenen Bett schlafen kann, perfekt.

Ein negativer Punkt an der ganzen Geschichte; man kann nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Das heißt, ich muss leider öfter mal Geburstatspartys oder andere Treffen mit Freunden absagen, weil ich oft am Wochenende arbeiten muss. Ein Tipp für alle unter euch, die noch neu in der Fliegerei sind; macht euren Freunden klar, dass ihr gerne Zeit mit ihnen verbringt, aber es einfach wegen der Arbeit nicht geht. Denn nachdem ihr die 4. oder 5. Einladung ausgeschlagen habt, werdet ihr einfach seltener gefragt, ob ich auf der Party dabei seid. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen und ihr werdet erfahren, wer eure echten Freunde sind. Und durch die vielen Kollegen findet ihr ganz schnell neue, spannende Menschen, die euer Leben bereichern werden. Ganz bestimmt!

Mythos 4: Als Flugbegleiter verdient man viel Geld

In diesem Job wird man reich…an Erfahrung. Viel Geld verdient man als Flugbegleiter tatsächlich aber nicht, deswegen machen es viele Leute auch nur ein paar Jahre. Und ohne jetzt wie meine eigene Omi zu klingen; aber in diesem Punkt war früher tatsächlich alles besser! Die älteren Kollegen haben noch richtig tolle Verträge, davon können wir dienstjüngeren Flugbegleiter nur träumen.

Trotzdem liebe ich meinen Job und habe mich nicht des Geldes wegen für diesen Beruf entschieden. Jeder der sich bei einer Airline bewirbt, ist sich dessen bewusst und macht den Spaß wegen der tollen Layover und den vielen Reisen mit. Mit Überstunden, Spesen und Schichtzulagen kommt man aber in arbeitsintensiven Monaten mehr als gut über die Runden und kann auch einiges auf die Seite legen. Ich hatte in diesen ersten Wintermonaten, in denen ich kaum geflogen bin, dann noch einen Nebenjob angenommen. Nicht nur wegen dem zusätzlichen Geld, sondern auch weil ich mit soviel Freizeit nicht viel anfangen konnte.

Übrigens: auch Piloten verdienen sich am Anfang ihrer Karriere keine goldene Nase! Für die Pilotenausbildung und den Lebensunterhalt während der Ausbildungszeit müssen in den meisten Fällen Kredite aufgenommen werden, die dann nach und nach in den ersten Dienstjahren abgestottert werden.

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Mythos 5: Flugbegleiter müssen Modelmaße haben

Zum Glück sind die Zeiten vorbei in denen Flugbegleiterinnen vor jedem Flug auf die Waage steigen mussten – zumindest bei den Airlines die ich kenne. Ein Mindestmass um an alle Staufächer zu kommen gibt es immer noch, ansonsten gibt es uns in allen Formen. Würde Heidi Klum beim Auswahltag sitzen und nach alten Standards die Leute auswählen, würde es wohl öfter heißen: „Ich habe heute leider kein Foto für dich!“

Na klar, viele von uns sind superschlank, der Großteil aber im normalen Gewichtsbereich. Grundsätzlich kann ich nach einem Jahr in der Fliegerei auch sagen, dass wir uns nicht allzu gesund ernähren. Pralinen hier, Käseteller dort und um drei Uhr morgens in der Wache noch eine Portion Pasta aus der Economy Class – oft einfach nur aus Langeweile. Das gemeine an diesen Mahlzeiten ist nämlich; in dieser verhältnismäßig kleinen Schale Nudeln stecken ziemlich viele Kalorien, um die Gäste schnell satt zu bekommen.

Ich gehöre zur Fraktion „ich nehme mein eigenes Essen mit“, weil ich als Veganerin beim Essen im Flugzeuge oft leer ausgehe und ich leider auch oft Bauchschmerzen bekomme. Meistens habe ich so immer eine bunte Gemüsebowl mit Hummus dabei, manchmal auch Cherrytomaten zum Snacken und immer ein paar Portionen Porridge im Koffer. Damit weiß ich genau was ich esse und muss mir keine Sorgen machen, dass die Uniform nicht mehr passt.

Mythos 6: Flugbegleiter sind immer müde und gejetlagged

Ich nerve meine Freunde und Familie am laufenden Band mit folgendem Satz: „Ich bin so müde und kaputt, ich bin total gejetlagged“. Dieser Mythos ist definitiv wahr und vor allem am Anfang hab ich richtig schlimm mit der Dauermüdigkeit gekämpft. Irgendwann kamen Kopfschmerzen, Appetitverlust und Schwindel dazu und ich wusste: jetzt ist es genug. Ein Körper, der sein ganzes Leben lang (halbwegs) regelmäßige Schlafzeiten und sowas wie einen Tagesrythmus gewohnt ist, braucht Zeit um sich an den neuen Lebensstil zu gewöhnen.

Besonders schlimm sind für mich die sogenannten „Frühaufsteher-Touren“. Man ist 2-5 Tage unterwegs und wird meist um 4 Uhr morgens im Hotel abgeholt, um den ersten Flug des Tages zu fliegen. Zu Mittag ist man für den Tag mit der Arbeit fertig und hat dann noch den halben Tag frei. Ich bin aber eine richtige Nachteule und komme morgens kaum aus dem Bett. In jedem Hotel bekommen wir eine Stunde vor Pickup einen Wakeup-Call. Eines Tages hab ich nach dem Wakeup-Call einfach nochmal auf die Snooze-Taste geklickt. Und bin dann erst 10 Minuten vor Pickup aufgewacht und hatte so nur wenige Minuten Zeit um mich komplett fertigzumachen und meinen Koffer zu packen. Im Flieger angekommen kocht dann einer gleich für die ganze Mannschaft Kaffee und irgendwie bin ich dann doch immer wach.

Das Positive an solchen Touren ist aber, dass man nach Dienstschluss einen halben Tag in einer neuen Stadt hat. Abends in Stockholm essen gehen, Kaffeetrinken am Nachmittag in Rom oder ein Spaziergang über den Strand in Lissabon? Durch solche Dienste wird das dann tatsächlich möglich!

Mythos 7: Flugbegleiter sind ja nur bessere Kellner in der Luft

Definitiv nicht. Wir versorgen die Gäste zwar mit einem Lächeln mit Essen und Getränke, aber in erster Linie sind wir für die Sicherheit an Board zuständig. Wir sind für medizinische Notfälle ausgebildet, können innerhalb von Minuten ein Feuer an Board löschen und passen bei Start, Landung und Turbulenzen darauf auf, dass ihr Passagiere euch nicht wehtut.

Ich bin vor kurzem erst zum ersten Mal seit ich Flugbegleiterin bin als privater Passagier auf der Langstrecke geflogen. Und ich war so in den Film versunken, dass ich tatsächlich auch nur den Service der Kollegen mitbekommen habe. Nach einiger Zeit ging ich in die Küche um mit den Kollegen zu plaudern. Als sie mir erzählten, was schon alles in den letzten Stunden passiert war, dachte ich wir sprechen von verschiedenen Flügen: 2 medizinische Notfälle, eine Streiterei wegen dem Fensterplatz und natürlich die vielen Diskussionen wegen Laptops und Handys beim Start. Von all dem hatte ich als Passagier nichts mitbekommen.

Was ich damit sagen will: rund um den Service sind wir Flugbegleiter mit so vielen sicherheitsrelevanten Dingen beschäftigt, die ihr gar nicht mitbekommt. Wenn wir also gerade checken, ob ihr angeschnallt seid und ihr uns dann wegen einem extra Kissen fragt, seid bitte nicht beleidigt, wenn ihr es erst 20 Minuten später bekommt. Wir erledigen nur unseren Job und der ist in erster Linie euch heil und sicher von A nach B zu bekommen. Natürlich immer mit unserem charmantesten Zahnpasta-Werbung Lächeln.

Mythos 8: Irgendwann ist man zu alt um Flugbegleiter zu werden

Diesen Mythos kann ich (zumindest in der deutschsprachigen Region) nicht unterschreiben. In meinem Kurs saßen zwei Kolleginnen über 50 und beide lieben ihren Job über alles. Natürlich muss man sich aber bewusst sein, dass die Zeitverschiebung, der unregelmäßige Schlafrhythmus, die langen Dienste und der ständige Wechsel an Kollegen eine Herausforderung ist. Auch bei uns gibt es Flugbegleiter die schon knapp vor der Rente stehen und immer noch mit jede Menge Energie bei der Arbeit sind. Ich arbeite sehr gerne mit ihnen, weil sie immer spannende Geschichten zu erzählen haben und einen vor allem am Anfang der Fliegerkarriere beruhigen und gut abholen können.

Aber auch ich mit meinen 26 Jahren jammere über Fussschmerzen nach einem langen Tag auf High Heels und – in meinem Fall – dass ich durch den zu strengen Dutt Kopfschmerzen bekomme. Ein bisschen „Mimimi“ muss und darf auch mal sein.

Mythos 9: Flugbegleiter sprechen fließend mehrere Sprachen

Kann man, muss man aber nicht! Je mehr Sprachen man spricht, desto besser. Um als Flugbegleiterin im deutschsprachigen Gebiet arbeiten zu können reichen super Englisch- und Deutschkenntnisse aber völlig aus. Ich persönlich finde es aber schön mit den Gästen in ihrer Muttersprache sprechen zu können und packe bei italienischen Gäste noch meine paar Phrasen italienisch aus – mehr schlecht als recht, aber die Gäste freuen sich immer, wenn man es zumindest probiert. Und auch im Layover schaden ein paar Brocken Spanisch, Russisch oder wo auch immer ihr landet nie.

Ich möchte auch in Zukunft Italienisch wieder auffrischen und spanisch lernen – einfach weil man dann auch persönlich daran wächst und diese Sprachen einfach unglaublich schön klingen. Und heutzutage gibt es so viele Apps und Online-Kurse, so dass man ganz flexibel überall und immer lernen kann.

Mythos 10: Flugbegleiter sind genervt, wenn jemand einen Tomatensaft mit Salz und Pfeffer bestellt

Ich weiß nicht genau, wovon man in dieser Situation genervt ist. Vielleicht weil man noch nach Salz und Pfeffer einen Handgriff mehr hat? Ich bin zumindest überhaupt nicht genervt von so einer Bestellung. Viel mehr nervt es mich, wenn ich Coke Zero oder Cola Light ausschenken muss – das sprudelt nämlich immer ziemlich und man braucht für den einen Gast so deutlich länger. Bitte lasst euch von mir aber nicht in eurer Getränkewahl beeinflussen und bestellt worauf ihr Lust habt!

Im übrigens: wenn ich privat fliege, bestelle ich auch immer einen Tomatensaft – weil es einfach zum Fliegen dazugehört!


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