„Passt das in meinen Feed?“ – Wie Instagram und das Bloggen meine Art des Reisens verändert hat

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In letzter Zeit erwische ich mich immer wieder dabei meine Reiseziele nach "Instagramtauglichkeit" zu prüfen. Das beginnt damit, dass ich auf Instagram nach Bildern bekannter Orte und Plätze zu suchen und mir dann überlege, wie ich das Bild machen würde und ob es in meinen Feed passt. Und das finde ich eigentlich ziemlich falsch.

Ich sitze nun schon ziemlich lange an diesem Beitrag und denke über das Thema nach und je mehr Zeit vergeht, desto mehr ärgere ich mich über mich selbst. Manchmal fühle ich mich sogar wie diese asiatischen Touristengruppen die im Speeedtempo Europa erkunden und eigentlich nur mit der Kamera oder dem iPad (kann mir mal wer erklären, warum die immer mit iPads fotografieren?) vor der Nase herumlaufen, und erst daheim dann die Reise durch die gemachten Bilder erleben. Das ist aber noch gar nicht das schlimmste von allem…

Exhale the bullshit

Je öfter ich einen Ort auf Instagram und Co. ausgespuckt bekomme, desto eher möchte ich hin. Bevor ich ein Hotel buche, schau ich mir sämtliche Bilder an und überlege mir, ob es schön genug für eine Hotel Review ist. Das Ganze ist schon ziemlich lächerlich, und das weiß ich nur zu gut. Anstatt mir das leckere Essen schmecken zu lassen, klettere ich auf Stühlen herum und versuche das perfekte Bild zu bekommen. Natürlich in einem Instagram-tauglichen Lokal, das ich am Blog in einen Foodguide einbinden kann.

Anstatt die Welt zu entdecken schreibe ich Kommentare mit mindestens 5 Wörtern in möglichst kurzer Zeit.

Ohne jetzt wie meine eigene Oma zu klingen, aber früher war es tatsächlich ein bisschen besser: Foto machen, mit Instagram-Filtern bearbeiten, hochladen und fertig. Heute plane ich meine Fotoshootings vor, fotografiere ausschließlich mit meiner Canon, bearbeite alles über Lightroom und plane meinen Feed bis zu einem Monat im Voraus vor. Vielleicht ist das verrückt und übertrieben, aber so funktioniert es für mich einfach am besten. Ich suche die ideale Posting-Zeit dank Instagram Insights nach dem Postingverhalten meiner Follower und nutze die ersten zwei Stunden um zu liken, kommentieren, folgen und Kommentare zu beantworten – vielen Dank für nichts lieber Instagram Algorithmus an dieser Stelle. Während vor dem Café, dessen WLAN ich gerade nutze, eine fantastische Stadt wartet, die nur darauf wartet entdeckt zu werden, schreibe ich Kommentare um neue Follower auf meine Instagram-Seite zu locken. Mindestens 5 Wörter pro Kommentar, Bezug auf Bild oder Caption nehmen, nicht nach Spam aussehen – das ist die Devise. Trotzdem funktioniert das Prinzip (mal besser, mal schlechter) und mit neuen Followern kommen neue Kooperationen auf, die mehr Reisen finanzieren. Ein Teufelskreis, denn auf der nächsten Reise hetzt man dann wieder von Fotospot zu Fotospot um das perfekte Bild zu machen.

„Kannst du schnell ein Foto von mir machen?“

Vor allem wenn ich mit Leuten unterwegs bin, die kaum oder gar nicht Social Media nutzen und auch nicht in der Influencer-Blase leben, haben mir schon mehrmals gesagt wie nervig es ist, dass ich ständig am Handy bin. Beziehungsweise ständig alles fotografiere. In dieser Hinsicht bin ich nämlich wirklich schlimm und extrem perfektionistisch. Dann muss das Bild im Hochformat, Querformat und nochmal zur Sicherheit mit dem Handy dazu gemacht werden.Wenn ich dann Frage „Kannst du schnell ein Bild von mir machen?“, dann geht das im Normalfall nie „schnell“ – denn ich bin mehr als kritisch was Bilder von mir selbst angeht. Zu hell, zu dunkel, zu weit weg, zu nah, zu unscharf – oder es das Bild hat in meiner Vorstellung einfach besser ausgeschaut, als es in Echt einfach ist. Der oder die Fotograf/in kann dann gar nichts dafür, trotzdem ärgert es mich wahnsinnig und ich versuche dann alles um „the perfect shot“ hinzubekommen. Und kann dann auch ganz schön zickig werden. Und wozu? Am Ende des Tages ist es dann oft doch nur ein Bild von vielen hunderten oder gar tausenden (je nachdem wie lange die Reise ist), das dann doch nicht im Feed landet, weil ich wieder mal nicht komplett zufrieden bin.  Deswegen tut es mir am Ende nämlich total leid und ich versuche wirklich diese Angewohnheit loszuwerden und einfach mal entspannt den Ort zu genießen und nicht immer nur an meinen Instagram Feed zu denken. Und Einsicht ist ja der erste Schritt zu Besserung. oder etwa nicht?

Pinit

Was will ich dagegen tun?

Versteht mich bitte nicht falsch, ich liebe das Bloggen, Social Media und alles was dazu gehört – sonst würde ich das ganze ja nicht machen. Auch wenn ich zugebe, dass Instagram mich gerade jetzt immer mehr in den Wahnsinn treibt. Ich stecke gerne viel Zeit in die Bearbeitung der Bilder, die Blogposts und alles was dazugehört. Und ich werde auch nicht aufhören. Was ich aber auf jeden Fall machen werde, sind bewusste Pausen nehmen.

Weil es wunderbar entspannend ist einen Ort durch die eigenen Augen zu sehen, anstelle der Linse meiner Kamera.

Qualität statt Quantität! Meine Fotokünste haben sich im Laufe der Jahre inzwischen zum Glück verbessert und so brauche ich nicht mehr hundert Anläufe für das Bild in meinem Kopf. Und ich versuche mich nicht mehr verrückt zu machen, wenn das Bild mal nicht genau gleich oder mehr Likes als das davor hat. In den letzten Monaten war ich außerdem so sehr mit der Uni beschäftigt, dass ich gar keine Zeit für Instagram hatte. So eine kleine Auszeit hat so gut getan und mich wieder auf den Boden der Realität gebracht. In der es nicht so wichtig ist wie viele Leute mein Bild auf Social Media gesehen haben. Genau das will ich beibehalten.

Die Kamera mal einfach daheimlassen

Während eines Wochenendtrips nach Kärnten habe ich diesmal meine Kamera mal bewusst in Wien gelassen. Statt mehrere Bildmotive im Kopf zu haben, die ich dann zwanghaft abfotografiere, habe ich stattdessen die Zeit genossen und bemerkt: man muss nicht immer alles fotografieren. Mir ist nichts abgegangen, ich habe kein Problem damit regelmäßig zu posten und dank der schlechten Internet-Verbindung, hatte ich nicht mal die Möglichkeit ein neues Bild online zu stellen. Man kann auch einfach mal Instagram Instagram sein lassen und sich auf die kleine Dinge im Leben konzentrieren.

Pinit
Pinit

 

 

 

 

 

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2 Comments
  • Eddy
    Dezember 22, 2018

    „Während vor dem Café … eine fantastische Stadt wartet, die nur darauf wartet entdeckt zu werden, schreibe ich Kommentare um neue Follower auf meine Instagram-Seite zu locken“

    Danke fürs Mitnehmen und für diese Offenheit, Victoria! Das ist schon wirklich krass, was Du beschreibst. Und auch wenn es Dir natürlich großen Spaß macht, finde ich es klasse, dass Du Dir in Zukunft mehr Zeit für Pausen nehmen willst. Ich wünsche Dir, dass es Dir gelingt und Du dadurch das hier und jetzt (das „real life“) noch ein wenig mehr spüren und genießen kannst.

    • Victoria
      Dezember 23, 2018

      Lieber Eddy, danke für das liebe Feedback! Ich fand es einfach mal an der Zeit offen darüber zu sprechen 🙂

      Alles Liebe,
      Victoria

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